Dieses Semester war meine Strategie beim ECTS-Kreditpunkte sammeln: viele kleine Vorlesungen, die wenig Punkte bringen, um viele verschiedene Themen zu erleben. Dies hat sich gelohnt; so war ich letzten Freitag mit der Vorlesung “Medienproduktion, Mediennutzung, Medienwirkung” zu Besuch bei zwei Abteilungen der Tamedia AG: erst bei der Redaktion des Tages-Anzeigers, dann beim Druckzentrum Zürich.

Das neue Gebäude von Tamedia in der Werdstrasse an der Sihl beeindruckt einen schon beim Betreten. In Zürich ist Wohnraum teuer, wenn ich bei der Stadt arbeiten würde hätte ich jetzt nicht unbedingt eine Eingangshalle genehmigt, die so hoch ist wie das ganze Gebäude. Designer war Stararchitekt Shigeru Ban, bekannt durch seine Konstruktionen aus Kartonröhren (wie dicke, lange Klopapierrollen) für Katastrophengebiete bekannt, die sich schnell und günstig errichten lassen. Respekt für diesen humanitären Einsatz.

Auf der Etage des Tages-Anzeigers erzählte der Chefredakteur, wie ein Arbeitstag in der Redaktion so abläuft. Interessant: zwei mal am Tag treffen sich Journalisten aus den jeweiligen Resorts mit dem Chefredakteur und präsentieren ihre Ideen für den Tag. Es ist aber alleine die Entscheidung des Chefredakteurs, welche Artikel aufgenommen werden! Ich habe mir die Prozedur irgendwie weniger hirarchisch vorgestellt. Aber das ist schliesslich nur einer von vielen Flaschenhälsen, durch die Informationen bis zum “Rezipienten” gelangen. Rezipienten, das sind im Fachjargon die Leser, Wenn von “Kunden” die Rede war, waren implizit immer die Mieter der Werbeflächen gemeint. Die Werbeeinnahmen machen schliesslich die Hälfte der Einnahmen aus, laut unserer Führerin. Unser Professor legte uns jedoch nahe, dass dieses Verhältnis wahrschienlich weiter zu den Werbeeinnahmen verschoben ist.

Die Büroetage des Tagi

Die Büroetage des “Tagi”: neues Gebäude, Rechner laufen alle auf Windows XP

Nach der Führung warteten wir noch im Erdgeschoss auf die zweite Gruppe. Mittlerweile war es acht Uhr, aber in den Büros war noch Betrieb. Laute Musik und junge Damen auf Stöckelschuhen, die die Redaktion der “Anabelle” verliessen, liessen daruaf schliessen, dass dort noch Fotoshootings für die nächste Ausgabe der Frauenzeitschrift gemacht werden. Alle Jungs in unserer Gruppe (zwei) waren sich einig: da wollen wir auch noch kurz rein. Durften wir aber nicht.

War nicht schlimm. Eine Führung um halb neun am Freitag Abend durch das Druckzentrum ist auch super. Die erste Halle, die wir betraten, beherbergte eine Art Achterbahn für Zeitungen, denn verschiedene Zeitungen und Magazine werden gleichzeitig gedruckt, und hier blitzschnell sortiert.

Zeitungssortierer

Zeitungen werden in diesen riesigen Rollen transportiert. Einen kleinen Systemfehler gab es aber: an jeder Rolle klebte ein Zettel mit “Stückzahl: 0”.

Die Leute die hier arbeiten, heissen von Beruf einfach “Drucker”, und ihre Aufgaben haben sich mit dem Aufkommen des sogenannten Flachdrucks, der hier betrieben wird, stark verändert. Das Setzen jeder einzelnen Zeile in Blei ist nun nicht mehr nötig, aber ein Brauch wurde aus der Buchdruckerzeit übernommen: das Gautschen. Die Absolventen der Lehre werden mit Wasser übergossen und es werden Gedichte vorgelesen. Heutzutage werden die Absolventen einfach gefesselt und ein LKW kippt eine Ladung Wasser drüber. Hat uns ein alter Drucker erzählt.

Drucken

So sieht die Zeitung in der Druckmaschine aus. Der Druck setzt sich aus vier Farben zusammen: schwarz, gelb, megentha und blau.

Danach durften wir uns einmal wie in der “Sendung mit der Maus” fühlen: die Druckermaschine im Betrieb betreten. Es war ja mittlerweile schon halb zehn, und Zeitungen werden natürlich vor allen nachts gedruckt. Leider war der Betrieb aber nur von kurzer Dauer: eine Papierbahn ist gerissen. Ich habe damit aber nichts zu tun. Ausserdem ist das völlig normal, passiert ca. zwei mal jeden Abend, erzählte uns eine Druckerin. Als Drucker muss man übrigens gute Augen für Farben haben, denn diese müssen kompromisslos perfekt sein. Dies ist dem Leser vielleicht nicht wichtig, aber den eigentlichen Kunden (Siehe oben). Im hart umkämpften Werbemarkt kann man sich schon solche Fehler nicht leisten: sind die Farben nicht perfekt, wird neu gemischt und der Druck muss nochmal von vorne beginnen.

Schneiden

Hier werden die Zeitungen geschnitten und gefaltet. Alles vollautomatisch. Eine der weissen Zeitungn, die da am Anfang des Abends zu Testzwecken aus der Maschine kommt, durfte ich als Andenken mitnehmen.

Am Ende, um zehn, gab es noch einen kleinen Apero in der Kantine. Ich bin wirklich froh, dass ich den Tag mitgemacht habe; die Gelegenheit zu einer solcher Führung bekommt man sicher nicht oft. Die Vorlesung kann man also alleine deswegen schon empfehlen! Jedoch muss man für den einen Kreditpunkt auch noch eine dreiseitige Hausarbeit schreiben und im “Unterricht” mitreden.